Hier folgen in loser Reihung meine Antworten auf einige Fragen, die verschiedene Schüler und Geiger bei ganz unterschiedlichen Anlässen gestellt haben.
Frage: Ich habe viele Jahre Unterricht genommen. Z. Zt. habe ich keinen Lehrer. Was kann ich tun, um meinen Stand zu halten und irgendwie "mich selber zu unterrichten"?
Antwort: Sinnvolles, phantasievolles Üben ist keine Zauberei. Ich empfehle dir "Practice" von Simon Fischer, erschienen 2004 bei Edition Peters. Mit seinen "Basics" hatte Fischer 1997 eine Art Standardfibel für alle wesentlichen technischen Probleme des Geigens vorgelegt. Auch der 2004 bei Edition Peters erschienene Band "Practice - 250 step-by-step practice methods for the violin" behandelt die grundlegenden Probleme der Technik, geht jedoch einen Schritt weiter, indem er an über 750 Beispielen aus der Standardliteratur in Methoden des selbständigen Übens einführt. "Practice" ist noch umfassender als "Basics" und bietet auch sinnvolle Hilfestellungen für die geistige Erarbeitung der Musik bis hin zur Vorbereitung auf den Auftritt. Die durch Fischer vertretene Auffassung von Violintechnik dürfte - bis auf einige Detailfragen - in der Zunft heute unstrittig sein - zumal Fischer keineswegs den Anspruch erhebt, die allein seligmachende Lehre im Sinne eines Systems zu verkünden. Er zieht vielmehr die Summe aus den jahrundertelang gewachsenen Einsichten und Methoden.
Großartig ist auch seine Kunst, an den passenden Stellen die großen Geiger, Musiker überhaupt und Geigenlehrer der Vergangenheit zu zitieren - er tritt dann gewissermaßen als Autor bescheiden hinter seinen Gewährsleuten und Anregern zurück, heißen sie nun Galamian, Perlman, Casals, Flesch oder Auer.
Gesamturteil: eine wahre Goldgrube an nützlichen Empfehlungen und Übungen! Es gibt meines Wissens derzeit weder auf deutsch noch auf russisch ein Methoden-Kompendium, das auch nur annähernd die gleiche Fülle und umfassende Abdeckung aller wesentlichen Bereiche anböte wie diese beiden Bände.
Keine Spur von "Technik-Tretmühle", stattdessen kluge, einfallsreiche Hilfestellungen, die das Musizieren auf ungeahnte Weise erleichtern können - und sei es auch dadurch, dass man irgendwann die rein technische Seite der Geigerei vergisst.
"Practice" ist für Lehrer, ausübende Geiger, Streicher überhaupt und fortgeschrittene Schüler wärmstens zur Anschaffung zu empfehlen, "Basics" auch für Schüler von Anfang an. Im Unterricht wird es darauf ankommen, eine weise Auswahl zu treffen. Eines schickt sich nicht für alle!
Frage: Ich habe ein bisschen Probleme mit dem Vibrato. Was genau für Vibrato-Übungen gibt es eigentlich? Und wie kann man darauf Acht geben, sich nicht zu verkrampfen oder eine Sehnenscheidenentzündung zu bekommen?
Antwort: Als hervorragendes Mittel gegen Verkrampfung empfehle ich, verschiedene Vibrato-Übungen mit natürlichem (oder auch künstlichem) Flageolet zu verbinden, etwa durch wechselndes Erklingenlassen des Flageolets und des gegriffenen Tons. Durch die Feinsteuerung des Fingers beim Flageolet ergibt sich geradezu "zwangsweise" eine Entkrampfung, also die Lösung des ungewollten Muskeltonus.
Drei sehr nützliche, fortschreitend geordnete Reihen von Vibrato-Übungen kann ich empfehlen. Sie eignen sich sowohl zum Neuerlernen als auch zum Auffrischen, Pflegen und Verfeinern des Vibratos. Josef Märkl: Violintechnik intensiv, Band 1, S. 20-28, Verlag Schott, 1999 Simon Fischer: Basics, S. 213-226, Edition Peters, 1997 Simon Fischer: Practice, S. 128-138, Edition Peters, 2004 Die bei Fischer genannten Übungen stellen das Vibrato noch systematischer in den Gesamtzusammenhang des Spielverhaltens des linken Arms, die Übungen Märkls wirken demgegenüber stärker zielgerichtet und auf des technische Teilproblem Vibrato abgestellt.
Frage: Wie teile ich den Bogen beim Spielen am Besten auf? Viertel Note - halber Bogen, halbe Note - ganzer Bogen, ganze Note auch ganzer Bogen aber entsprechend langsamer gestrichen ??? Was mache ich mit Achtel oder Sechzehntel? Und was ist bei ungeraden Taktarte (3/4 Takt)?
Antwort:
"The bow is to the string player the same as the breath to a singer or wind player" (S. Fischer, Practice, p. 110).
Die gewissermaßen mathematisch-berechnete Bogenaufteilung ist zwar beim Musizieren nicht angebracht. Dennoch lohnt es sich, durch systematische Übungen den wechselseitigen Zusammenhang von Strichgeschwindigkeit, Bogendruck und Kontaktstelle herauszufinden und immer wieder erneut zu überprüfen. Dieselbe Passage, dieselbe einzelne Note wird unterschiedlich klingen, je nachdem, ob man sie vorwiegend am Frosch, in der Mitte oder in der oberen Hälfte, mit viel Bogen, wenig Bogen usw. spielt.
Der "Klassiker" ist hierzu die Kreutzer-Etüde C-dur Nr. 2 mit mannigfachen Stricharten, etwa in der Galamian-Ausgabe bei "International Music Company". Selbst Heifetz hat ja bis ins Alter hinein die Kreutzer-Etüden zum Erhalt seiner Technik genutzt!
Sehr zu empfehlen zum Erlernen einer sinnvoll gesteuerten Bogenaufteilung - insbesondere für Wiedereinsteiger - sind die 36 Etüden von H. E. Kayser, die als eher leicht bis mittelschwer zu bezeichnen sind, in der Ausgabe von B. Hamann bei Edition Schott, insbesondere die Etüden Nr. 1, Nr. 3 und Nr. 21. Gewinnbringend und sehr fein ausgearbeitet sind die Übungen, die S. Fischer in seinem Buch "Practice" unter denm Titel "Bow division" bringt (S. 110-118).
Als theoretische Erklärung zur Bogeneinteilung sehr gut: K. Eichholz, Der künstlerische Aspekt der Bogenführung, Universal Edition, 2002, S. 7-8. Ferner: S. Fischer, Basics, Universal Edition, S. 52-53.
Abraten würde ich vom gedankenlosen Durcharbeiten gehäufter Sevcik-Etüden mit allen Stricharten.
Besser ist es, sich die grundlegenden Zusammenhänge einmal in aller Deutlichkeit theoretisch klarzumachen und dann an sorgsam ausgewählten Musikstücken oder Etüden zu erproben.
Anschlussfrage:
Warum würden Sie von Sevcik-Übungen abraten? Warum meinen Sie, dass die Sevcik-Übungen gedankenlos sind?
Antwort: Ich rate nicht von Sevcik in Bausch und Bogen ab, sondern davon, ohne Ziel und Zweck über Jahre hin die Hunderte von Stricharten eine nach der andern vorzunehmen - wie mir das in meiner Kindheit von meinem damaligen Lehrer verordnet wurde. Der Nutzen aus dem planlosen Durchackern ist beschränkt, die kostbare Übezeit lässt sich sinnvoller anwenden. Ich vertrete die Ansicht, dass das Üben an jedem Tag eine - wenn auch noch so kleine - Einsicht schenken sollte.
Dagegen kann es meines Erachtens durchaus sinnvoll sein, über 2 oder 3 Wochen hin die Stricharten, oder mindestens eine Untergruppe der Stricharten einer ausgewählten Sevcik-Etüde aus seinem op. 2, etwa die Nr. 29 aus Heft III, in der vorgegebenen Reihenfolge durchzuarbeiten. Voraussetzung ist, dass man sich die mechanischen Vorgänge stets erneut bewusst macht, auf einwandfreien Klang achtet, genau die richtige Kontaktstelle findet und das Tempo so wählt, dass man ohne Verkrampfung die Etüde von Anfang bis Ende durchhält.
Max Strub soll ja in bezug auf Sevcík Ausdrücke wie "Trottelmethode" verwendet haben - aber zugleich soll er gesagt haben: "Ein solcher Trottel, Sevcik nicht zu üben, bin ich auch wieder nicht." Nachzulesen in: Walter Kolneder, Das Buch der Violine, 5. Auflage Zürich 1993, S. 473
Frage: Ich würde gerne meine Bogentechnik verbessern. Kennt ihr gute Bücher oder geeignete Stücke zum Üben?
Antwort: Empfehlenswert sind die beiden folgenden Werke:
Simon Fischer: Basics. Edition Peters, 1997. S. 1-88. Bringt in konzentrierter Form das gesamte Arsenal der teilweise schon jahrhundertelang, teilweise erst in den letzten Jahrzehnten bewährten Techniken zur Pflege und Fortentwicklung des rechten Arms - sinnigerweise vor dem linken Arm.
Klaus Eichholz: Der künstlerische Aspekt der Bogenführung. Universal Edition, 2002. Es lohnt sich, viele der angeführten Beispiele aus der gängigen Literatur durchzuarbeiten - auch um sich des Vorrangs des Bogenarms bei der musikalischen Gestaltung bewusst zu werden.
Frage: Wollte mal fragen, ob jemand den Prof. Bron kennt und sagen kann, ob er wirklich gut ist. Suche gerade einen guten neuen Geigenlehrer.
Antwort: Wer das pädagogische Geschick Zakhar Brons kennen und schätzen lernen will, dem kann ich wärmstens das folgende Heft empfehlen:
Etüdenkunst. Eine Etüdensammlung für Violine. Kommentiert und herausgegeben von Zakhar Bron. Verlag Ries & Erler Berlin 1998.
Duch die vortrefflichen Bemerkungen Brons erschließen sich Sinn und Zweck dieser Übe- und Vortragsstücke in ganz neuem Licht.
Wenn man die wenigen, aber stets zielgenau formulierten Hilfestellungen durcharbeitet, gewinnt man auf äußerst zeitsparende Weise Unschätzbares für die gesamten technisch-musiikalischen Grundlagen der Geigerei.
Dies gilt auch für den konzertierenden Geiger, der darauf bedacht sein muss, dem jederzeit nagenden Abschleifen und Verfallen der einmal erarbeiteten Fertigkeiten entgegenzusteuern.
Das Heft kostet wenig und macht sich schon nach wenigen Minuten bezahlt. Ich halte es unter den zahlreichen Etüdensammlungen und Schulen derzeit für das beste und empfehlenswerteste Werk.
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